DEMOKRATIE(DEFIZIT) in Tirol

Demokratische Widerstandsformen, Zivilcourage, kritische Selbstorganisation gegen die Mächtigen und ziviler Ungehorsam stehen in Südtirol nicht besonders hoch im Kurs und werden eher als aufrührerisch oder zumindest verdächtig betrachtet. Pluralismus und Meinungsverschiedenheit gelten – auch weil man sich gerne im ethnischen Belagerungszustand wähnt – als schädlicher Luxus.

Tirol sieht und feiert sich gerne als eine der ältesten Demokratien der Welt, ja, als eine Wiege der europäischen Demokratie, weil Bürger und Bauern – ähnlich wie in der Schweiz oder in Schweden – schon früh im Mittelalter ein gewisses Recht auf parlamentarische Vertretung und Mitsprache hatten.

Seit der Niederlage der Bauernkriege im 16.Jahrhundert scheint sich allerdings die Lust auf Demokratie ziemlich verflüchtigt und an ihrer Stelle ein recht verbreitetes Obrigkeitsdenken eingeschlichen zu haben. Und nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie und der Annexion Südtirols an Italien hat sich ein derart ungestilltes Bedürfnis nach einer starken und glaubwürdigen Obrigkeit breitgemacht, daß es den Nazis nur allzuleicht gelang, es sich zunutze zu machen: autoritäre Vorstellungen wurden von den Tirolern (südlich und nördlich des Brenners) nicht etwa als wesensfremd empfunden.

Autonomie im Sinne einer gewissen Nichteinmischung der italienischen Regierung wird als Inbegriff der Demokratie – ja, geradezu als Demokratie-Ersatz – verstanden, wie es dann im Lande selber aussieht und zugeht, scheint zweitrangig. Statt einer Auseinandersetzung zwischen verschiedenen politischen oder sozialen Richtungen bündelt sich alles um den Volkstumskampf, der natürlich auf allen Seiten Geschlossenheit erfordert. Diese Verzerrung spiegelt sich zum Teil sogar im Autonomiestatut wider, das zwar die Vertretung der minderheitlichen Volksgruppen, nicht aber der politischen Minderheiten absichert. Sollte sich der Demokratievorrat (Süd)Tirols im wesentlichen im Mittelalter erschöpft haben?

Aus: Alexander Langer, Aufsätze zu Südtirol 1978-1995 (S. Baur/R. Dello Sbarba) Alpha&Beta